5013 Kilometer nonstop gerudert in
45 Tagen 2 Stunden und 18 Minuten

Ganz in ihrem Element

Am 12. Dezember will die Thunerin Astrid Schmid gemeinsam mit drei Frauen über den Atlantik rudern. 4800 Kilometer, 1,5 Millionen Schläge, bis zu 90 Tage auf dem Meer. Mit dem Rudern hatte Schmid bisher nichts am Hut. Aber andere Erfahrungen könnten ihr helfen.

von Nils Sager (Jungfrauzeitung)

291 Tage, bevor Astrid Schmid mit drei Freundinnen über den Atlantik rudern will, von La Gomera nach Antigua, 4800 Kilometer, 1,5 Millionen Ruderschläge, sitzt sie in einem schmalen Boot auf dem Thunersee. Die Frühlingssonne scheint ihr ins Gesicht. In der Ferne glitzern die schneebedeckten Berge. Astrid Schmid (46) aus Thun, schwarze Locken, weisse Zähne, lächelt.

 

Die frische Luft tut gut. Die letzten Tage haben die vier Frauen in einer Messehalle verbracht. An der SuisseNautic, der grössten Bootsmesse der Schweiz, haben sie für ihr Projekt geworben: die «Talisker Whisky Atlantic Challenge». Der prominente Platz direkt am Eingang hat die vier Frauen und ihre Odyssee ins Gespräch gebracht. Viele Besucher haben etwas gespendet, Aussteller ihre Hilfe angeboten, Kontakte vermittelt. Astrid Schmid und ihre Mitstreiterinnen – alle Novizen auf dem Gebiet des Ruderns, generell in der Seefahrt – haben viel gelernt. «Die Rückmeldungen waren sehr positiv», erzählt Astrid Schmid. «Manche Besucher haben aber auch einfach nur den Kopf geschüttelt.»

 

Bisher haben mehr Menschen den Mount Everest bestiegen als übers Meer gerudert sind. Astrid und ihre drei Mitstreiterinnen werden mindestens einen Monat brauchen, vielleicht auch zwei. Sie werden abwechselnd zwei Stunden rudern und zwei Stunden schlafen, immer zu zweit, 24 Stunden, jeden Tag. Sie werden bis zu sechs Meter hohe Wellen erleben, werden 5000 Kalorien am Tag verbrennen, einen Eimer als Toilette benutzen, sich den Po wundsitzen, die Handflächen aufscheuern. «Wir wissen, dass es wehtun wird. Das ist Teil des Erlebnisses», sagt Astrid Schmid.

 

Im Sommer 2018 erfährt die Thunerin erstmals von der «Talisker Whisky Atlantic Challenge». Im Fernsehen läuft die Dokumentation über das Team «Swiss Mocean», das erste Schweizer Team, das jemals an der Challenge teilgenommen hat. Vier muskelbepackte junge Männer. «Das Rennen hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe gemerkt, dass es etwas ist, das ich machen möchte», erzählt Schmid. Sie findet Tatiana Baltensperger, Mutter eines der «Swiss Mocean»-Ruderer und ebenfalls von der Idee fasziniert. Sie suchen Mitstreiterinnen.

Kaum jemand meldet sich. Die wenigen Interessentinnen scheiden nach Gesprächen über Motivation und zeitliche Verfügbarkeit schnell aus. Im privaten Umfeld findet Astrid Schmid schliesslich Sandra Hönig – eine «verrückte Nudel», wie sie sie nennt. Hönig sagt sofort zu und bringt Carla Lemm ins Spiel. Das Boot ist komplett. Das erste Schweizer Frauenteam nennt sich «SwissOceanDancers», das Rennen 2019 kann kommen. Ihr Plan steht. Die Finanzierung noch nicht.

184'000 Franken beträgt das Budget für die «Challenge». Mehr als die Hälfte davon kostet allein das Boot, ein neu entwickeltes und hochspezialisiertes Ruderboot aus Holland, das auf den Namen «Heidi» hört. Noch fehlt ein Hauptsponsor, ein «grosser Name», wie Schmid sagt. Trotzdem: Der Entschluss zu starten steht fest. Zur Not finanzieren die vier Frauen den fehlenden Betrag selbst.

«Die gemütlichen Abende auf dem Sofa sind rar geworden», sagt Astrid Schmid. Die Challenge fordert schon jetzt, Monate vor dem Start, viel von den Teilnehmerinnen: Training, Logistik, Organisation, Administration. «Weil wir alle nicht von der Seefahrt kommen, müssen wir uns in die umfangreiche Materie einarbeiten.» Dazu gehört auch ein achttägiger Sicherheitskurs in England. Darin geht es um Navigation, Meteorologie, Radiofunk und Erste Hilfe auf offener See. Das soll den Frauen das Überleben in Not sichern. Bis die Sicherheits-Yacht des Rennveranstalters vor Ort ist, kann es Tage dauern. Fast jedes Jahr kentern an der «Talisker Whisky Atlantic Challenge» Boote. «Heidi» kann sich autonom zurück in die richtige Position drehen. Das haben die Entwickler extra so konstruiert.

Auf dem Thunersee in der Frühlingssonne ist all das weit weg und doch immer präsent. «Wenn man sich zu dieser Challenge entscheidet, kann man das nicht als Hobby nebenbei machen. Es nimmt mich ganz und gar in Beschlag», sagt Schmid. «Es fordert meine komplette Aufmerksamkeit. Das ist ein schönes Gefühl.» 

Dieses Gefühl kennt die Thunerin vom Fallschirmspringen und Tauchen. Beides Leidenschaften von Astrid Schmid. Beides sehr vereinnahmend. «Man ist in diesem Moment einhundert Prozent präsent», schwärmt Schmid. Allerdings: «Die Challenge ist eine neue Dimension. Vor allem in der Intensität und Dauer».

 

Vertrauen schöpft Astrid Schmid aus friedensfördernden Militäreinsätzen im Kosovo. Die ausgebildete Expertin Notfallpflege war mit der Schweizer Armee insgesamt fünf Mal im Einsatz, erst als Leiterin des Soldatenrettungsdienstes, danach drei Mal als Personalchefin. Militarisiert, an der Waffe geschult und entsprechend ausgerüstet lebte sie den Alltag in einem ehemaligen Kriegsgebiet. «Eine komplett neue Welt, von der ich mich habe vereinnahmen lassen», erinnert sich Schmid. Ähnlich stellt sie sich das auch mit der Ruder-Reise über den Atlantik vor. «Das ist eine Erfahrung, die macht man einmal im Leben und zehrt dann für immer davon.»

Am 12. Dezember stechen Tatiana Baltensperger, Sandra Hönig, Carla Lemm und Astrid Schmid in See. Bis dahin arbeiten sie an ihrer Rudertechnik, an Kraft und Ausdauer und an ihrer mentalen Stärke. Astrid Schmid glaubt, es sei ein Vorteil, nicht mehr so jung zu sein. «Bestimmt bin ich physisch nicht der Vorzeigesportler. Aber meine Reife, Gelassenheit, mein Erfahrungsschatz, das alles wird mir helfen.» Nur vor einer Sache hat sie doch etwas Angst: die Nacht. «Die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang ist sicher lang», sagt Schmid. Das Rudern in der Dunkelheit bereite ihr Unbehagen. «Das stelle ich mir unheimlich vor.» Astrid Schmid hofft, dass sie sich auch von der Nacht noch glücklich vereinnahmen lassen wird.

 
09.03.2019 06:27:56 | Swiss OceanDancers
Teilen auf: